#1 Nicht der Starke hat Recht, wer Recht hat, ist der Starke!

Arnold J. Toynbee (1889 - 1975), welcher als letzter großer Universalhistoriker gilt, beschrieb in seinem Hauptwerk "Der Gang der Weltgeschichte", dass 19 von 22 in der Geschichte aufgetauchten Zivilisationen zusammenbrachen, als sie den moralischen Zustand erreichten, in dem sich heute die Vereinigten Staaten befänden. Eines der erstaunlichsten Dinge über die Geschichte ist, dass sie sich zu wiederholen scheint. Zivilisationen steigen und fallen nach ähnlichen Mustern.

Ich würde dich gerne auf die Arabische Halbinsel um die Zeit von 571 n. Chr. mitnehmen. Zu jener Zeit kam Mohammad, der letzte Prophet des Islams, auf die Welt.
 Wie wir wissen, wird jeder Mensch in einen bestimmten Kontext hineingeboren. Man kann das Wirken von Menschen nur verstehen, wenn man die Hintergründe ihrer Existenz kennt. Mohammad verbrachte einen Großteil seiner Lebzeit in der arabischen Stammesgesellschaft. Bereits vor der Geburt Mohammads dominierte die Ungerechtigkeit zwischen den einzelnen Stämmen. Sie bekämpften sich gegenseitig und gängigerweise behielt derjenige Stamm in Streitfragen die Oberhand, welcher am mächtigsten war. Es herrschte ein System der Ungerechtigkeit. Moralischer Verfall war die Regel. Zur einfacheren Vorstellung könnte man das damalige Stammesdenken als eine Art kranken Nationalismus definieren: "Mein Stamm ist besser als dein Stamm." Heute würde man sagen: "Ich bin Deutscher - du bist Türke, deswegen bin ich besser als du!" So funktionierte die arabische Stammesgesellschaft. Wenn Person X vom Stamm A der Person Y vom Stamm B Leid zufügte, standen die jeweiligen Stämme stets hinter ihrem eigenen Stammesmitglied. Es war unbedeutend, ob X oder Y im Recht war. War ein Stamm dem anderen Stamm überlegen, hatten seine Mitglieder keine Strafe zu fürchten:
"Wer stark war hatte Recht, nicht wer Recht hatte war stark "
In diese Zeit hinein wirkte Mohammad. Unter all den existierenden Stämmen galt er als "Al - Amin", der Vertrauenswürdige. Als Muhammad im Alter von 40 Jahren die Prophetie erhielt und den Leuten vom Islam, dem reinen Monotheismus, dem Glauben an den einen ewigen Gott zu erzählen begann, wurde er bespuckt, verspottet und für verrückt erklärt, als Zauberer und Lügner bezeichnet. 
Man muss sich vor Augen halten: Da kommt ein Mensch und behauptet eine Botschaft von Gott erhalten zu haben. Ein Mensch der mit absoluten moralischen Standards "im Gepäck" in eine Gesellschaft eindringt, die im moralischen Relativismus versunken ist. Eine Gesellschaft in der frei miteinander verkehrt wird, in der Frauen als Objekte betrachtet werden, in der es einen exzessiven Alkoholkonsum gibt und die Menschen einzig nach ihren Trieben leben. Eine Gesellschaft in der Rassismus dominant ist. Jetzt kommt da jemand und sagt: "Das, was ihr macht, ist nicht richtig!" - Wie würden wir heute reagieren? Einige würde sagen: "Ja, du sprichst die Wahrheit", andere würden sagen: "Lass mich doch in Ruhe (...)", doch am meisten würden sich diejenigen zur Wehr setzen, die von der Ungerechtigkeit des bestehenden Systems leben. Diejenigen, die aus der Ungerechtigkeit Profit schlagen. Sie würden die Existenz ihrer eigenen egoistischen Vorzüge in Gefahr sehen. Sie würden alles tun um denjenigen, der ihrem System in die Quere kommt zu verjagen. Denn: Das System muss unter allen Umständen weiterlaufen!

Zu den größten Missverständnissen, welche es bezüglich des Islams gibt, gehört die Vorstellung, dass der Islam mit Muhammad begonnen hätte. Im Sinne einer chronologischen Abfolge "Zuerst gab es das Judentum, dann das Christentum und dann kam der Islam!". Muslime glauben jedoch, dass der Islam die einzige Religion bei Gott ist und seit Adam, dem ersten Menschen und zugleich Propheten, Bestand hat. So bedeutet Islam: "Sich Gott unterordnen". Alle Propheten von Adam, Noah, Abraham, Mose, Jesu bis Muhammad haben sich Gott untergeordnet. Wer sich in der jeweiligen Zeit einem Propheten angeschlossen hat, wird genau so als Muslim betrachtet, wie Muslime heute, die dem Vorbild des Propheten Muhammads folgen. Der Islam ist ein Gesamtpaket. Ein Muslim, der Jesus nicht akzeptiert oder die Jungfräulichkeit Marias leugnet, fällt aus dem islamischen Glauben heraus! In der Weltgeschichte haben diese Propheten, immer wieder zum Glauben an den einen Gott aufgerufen und die Gesellschaften auf ihre Misstände hingewiesen. Auch Jesu hatte eine Botschaft zu übermitteln und mit Widerständen umzugehen. Erinnert sei an dieser Stelle an die Gegebenheit, als er in den Tempel ging und die jüdischen Gelehrten ihrer Geldgeschäfte wegen aus dem Tempel warf (Joh. Kap.2:14-17). Ähnlich erging es Johannes dem Täufer, der im Islam ebenfalls als Prophet gilt und enthauptet worden ist, als er sich Herodes widersetzte. Das einende Element aller Propheten ist das geduldige Ausharren in Schwierigkeit. Trotz all der Widerstände übermittelten sie die ihnen verkündete Botschaft. Als diese Botschaften (beispielsweise bei Jesu das Evangelium, bei Mose die Thora) im Laufe der Zeit durch Menschenhand eine Veränderung erfuhren, wurde stets ein Prophet geschickt, um an die ursprüngliche Botschaft zu erinnern. Jesus kam um zu berichtigen, was vor ihm falsch gelaufen ist und wurde dafür verfolgt. Was passierte in der Zeit nach Jesu? Welche Elemente erhielten Einzug bis zum Konzil von Nicäa im Jahr 325 unter Kaiser Konstantin? Was wissen wir heute aus dieser, doch stark im dunkeln gebliebenen, Zeitspanne? Was unterschied beispielsweise die Paulus - Anhäger (Heidenchristen) von den Petrus - Anhängern (Judenchristen)?

Ähnlich wie der Prophet Jesu kam auch Muhammad um zu berichtigen und es gelang ihm innerhalb von wenigen Jahren die komplette Stammesgesellschaft zu verändern. Menschen erkannten die Wahrheit in seiner Botschaft und nahmen den Islam an. Als letzte Offenbarung Gottes stellt der Quran ein Werk dar, welches in seiner linguistischen Form bis heute unerreicht ist. Innerhalb des Qurans gibt es unzählige linguistische Wunder. Vor allem die mündliche Tradition ist in der islamischen Geschichte von enormer Bedeutung. Seit der, über einen Zeitraum von 23 Jahren anhaltenden, Offenbarung an Muhammad, gab es zu jeder Zeit Menschen, die den Quran in seiner Gänze auswendig rezitieren konnten. Noch heute gibt es weltweit hunderttausende Menschen, die ihn auswendig wiedergeben können. Als Muslime glauben wir daran, dass die an Mohammad offenbarte Botschaft in ihrem Wortlaut erhalten geblieben ist. Auch nach 1440 Jahren halten wir als Muslime an dem Grundsatz fest: "Nicht wer stark ist hat Recht, sondern wer Recht hat ist STARK."
Mit dem Beginn der Kolonialzeit, über den 1. und 2. Weltkrieg hinaus, der Ausbreitung der Sowjetunion, bis hin zu den neo-liberalen Ressourcen-Kriegen im Irak, Afghanistan oder Libyen verschwindet nach und nach die traditionelle muslimische Gesellschaft. Uralte muslimische Minderheiten von Bosnien über Myanmar bis zu den Uiguren in China werden systematisch unterdrückt und vertrieben. Ähnlich wie Toynbee zu Beginn den Zerfall von Zivilisationen beschrieben hat, sehen Muslime heute den Anfang vom Ende. Mit der Zerstörung von moralischen Gesellschaften verschwindet auch die Bindung des Menschen zur Natur. So werfen wir Gift auf unsere Felder, Plastik in unsere Ozeane und Atommüll vergraben wir in der Erde. Sobald der Mensch das moralische Recht seinem egoistischen Interesse unterwirft, schafft sich der Mensch einen neuen Gott. Dieser falsche Gott lebt nach dem Grundsatz: "Wer stark ist hat Recht".
#Friede sei mit dem letzten Propheten Muhammad  und allen Propheten vor ihm.
Von Maxi
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